In der Talsenke des noch frei fliessenden Brüelbachs im Quartier Tobel, heute Kreuzweg, liess der Bandwebereifabrikant Johann Jakob Schiess um 1880 fünf verschindelte Mehrfamilienhäuser bauen. Sie waren gegen Süden ausgerichtet, sehr kostengünstig gebaut, mit bis zu 16 Wohnungen. Fortschrittlich Denkende sahen darin 25 Jahre später Beispiele für verfehlten Arbeiterwohnungsbau.
Wir gehen an diesen Häusern vorbei, werfen einen Blick auf mit Spanplatten zugenagelte Fenster, auf eine ausrangierte Briefkastenreihe – oder wird doch noch ein einziger Kasten benützt? Kein Mensch ist zu sehen. Wie anders muss es gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgesehen, getönt und gerochen haben! Keinesfalls wollen wir diesen beengten Wohnverhältnissen nachtrauern. Aber mit einem nostalgischen, also beschönigenden Blick können wir Heutigen der Häuserzeile und ihrem Schattenwurf auf das Sonnentalsträsschen historischen Charme abgewinnen. (siehe Bild)
Ende Mai 2021: Die ehemaligen „Mietskasernen“ werden als Bauentwicklungsprojekt von einer Firma im Netz angeboten: «3500m2 Bauland in der Kernzone der Kantonshauptstadt.»
Ich frage den Zuständigen für Siedlungsentwässerung der Gemeinde Herisau: Könnte eine Neuüberbauung an dieser schwierigen Lage auch eine teilweise Offenlegung des Brüelbachs bedeuten?
Aufgrund des Ausdolungsgebots sagt er nicht nein, betont aber, dass schon rein topografisch die Sonnental-Mulde sehr herausfordernd und komplex sei. Der eingedolte Brüelbach sei immer noch der Hauptabwassersammelkanal zur ARA Bachwis. Eine Revitalisierung hänge kaum nur vom Abbruch der Arbeiterhäuser ab und werde Zeit benötigen.
Quellen:
Geschichte der Gemeinde Herisau. Appenzeller Verlag 1999.
INSA 1850-1920: Herisau. Separatband, hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK 1990