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Was ist das, Heimat?
Die nachfolgenden Definitionsversuche sind während des Appenzellerfests vom
1. – 3. September 2000 entstanden. Besucherinnen und Besucher des (Bau-)Projektplatzes „KultUrLandSchaft“ beim Sammelplatz zwischen Gais und Appenzell wurden aufgefordert, ihre eigenen Gedanken zum Begriff „Heimat“ zu Papier zu bringen und an eine Wand, die „Ideenwand“, zu heften.

- Heimat ist da, wo ich bin. Wo auch immer ich bin, bin ich mir vertraut, also in mir
- beheimatet. Was nicht heisst, dass ich mich immer finde. Aber ich weiss, wo ich
- suchen und fündig werden kann.
- Globales Denken und Heimatgefühl unter einen Hut zu bringen, ist
- ein Kunststück, das nicht allen gelingt.
- Heimat ist für mich da, wo ich mich von meinen Mitmenschen wirklich
- angenommen fühlen darf.
- Heimat ist ein Ort, indem ich mich <zuhause> fühle. <Zuhause>
- fühle ich mich in MEINEM Zuhause, gestaltet nach meinen Vorstellungen. -
- Zuhause kann ich mich nur fühlen, wenn meine Umgebung stimmt, in
- die ich mich <passend> eingefügt habe.
- Kultur-Entwicklung: Kultur muss sich wandeln - habe sich schon immer
- gewandelt. - Richtig. Aber beachten wir Tempo und Intensität! Massvollen
- Wandel empfinden wir als Entwicklung, hektischen, massiven Wandel als
- Zerstörung.
- Heimat ist die Verbindung zwischen meinem Inneren und meinem Äusseren.
- Heimat ist der Ort, wo man sich wohlfühlt und die Menschen rundherum
- das gegenseitige Wohlsein unterstützen.
- Heimat ist deutsch - keine andere Sprache kennt den Begriff.
- Kultur braucht Zeit, Hingabe, Erfahrung, Pflege… - Wer hunderterlei
- pflegen will, wird nichts richtig pflegen.
- Heimat ist der Ort, an dem ich mich genüsslich zurücklehnen
- kann, Mo`wax Sound im Hinter-, Tribe called Quest im Vordergrund, sämtliche
- Genussmittel gleichzeitig konsumierend und die Gedanken auf das Hier und
- Jetzt gerichtet, ohne an das Gestern und Morgen zu denken. Heimat ist
- Glück, Heimat ist Wärme; sie ist der Ursprung von uns allen.
- Heimat ist Muttersprache und Vaterland.
- Kultur achtet die natürlichen Lebensgrundlagen. - Kann die Erde
- ohne Natur leben?
- Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich wohlfühle, mir alle
- vertrauen und mich lieb haben – und ich auch vertrauen kann.
- Heimat ist da, wo wir unsere Wurzeln haben.


[…] Heimat ist dieser Grundbesitz mit seinem mitten drin gelegenen Hause, dem Appenzeller sini Häämet! Die ist sein Königreich, auf ihr schaltet und waltet er als Herrscher, und auf dieser festen Grundlage steht er mit seiner Familie, steht durch ihn sein Ländlein, seine Verfassung, seine Ordnung in der Freiheit. […]

Salomon Schlatter, <Das Appenzellerhaus und seine Schönheiten>, Herisau 1986, S. 6


Heimat braucht Gefühle
[…] Wenn ich nach Aufenthalten in der Fremde, sei es auch nur nach einer Ferienreise, zurückkehrte, schlug mir die Heimat wie eine Welle ins Gesicht, sanft, erschreckend. Dieses sauber Geordnete, diese selbstverständliche Pünktlichkeit! Dieses Gefühl der Sicherheit! Die Sprache ist eine vertraute Melodie, der man nicht mehr zuzuhören braucht. Diese Stützvermauerung der Landschaft, diese Zudeckung des Erdigen! Unterführungen, Überführungen, Orte, die sich zu gleichen beginnen, zum Verwechseln ähnlich werden mit Begradigungen, Tankstellen, Verlust der Mitte. Dann die Ankunft zu Hause, wo ich lebe, arbeite, liebe, hasse, dort, wo ich bin, wenn ich nicht fortreise. Schön, diese Ankunft! Alles hat auf mich gewartet. Der Lieblingsstuhl, die Lieblingsmusik. Die Tanne im Garten hat eine Nadelreihe mehr bekommen, das Gras ist gewachsen, die Geranien brauchen dringend Wasser, das Essen schmeckt wie lange nicht mehr, auch wenn es vorerst nur Brot und Käse ist. Der Staub im Wohnzimmer ist mein Staub, die Bettlaken haben meinen Geruch, die Luft ist die Luft, die ich vermisst habe. Ich bin daheim. Ich bin dort, wo ich sterben möchte. Ich bin da, wo ich die Erde angreifen kann, der Baum gehört zu mir, der Dachziegel trägt das Moos meiner Erinnerung, ich sehe meine Trittspuren im Gras. Wenn ich eine Blume abreisse, kommt mir in den Sinn, dass andere Völker sich dafür zu entschuldigen pflegten. Ich bin zugleich beruhigt und aufgeregt. Weil ich mein Eigenes wiederum spüre, kann ich an anderes denken. Weil ich gut schlafe, ich bin schliesslich daheim, die Geräusche sind die der Freunde, kann ich wach sein. Ich kann arbeiten, an Kommendes denken, an das, was nicht kommen darf, und wenn es trotzdem kommt, wie ich ihm begegne. Heimat ist für mich der Urgrund, die ungestörte Möglichkeit des Tuns, der Schauplatz meines Lebens, der Ort, wo alle Reisen münden, wo meine Füsse vorerst zu stehen haben, bevor sie zu gehen beginnen. […]

Helen Meier, <Heimat braucht Gefühle>, in: 75 Jahre Heimatschutz von Appenzell A. Rh., 1.-August-Beilage 1985 der Appenzeller Zeitung, Herisau 1985, S. 3


Architekturbetrachtung mit Kopf, Herz und Hand
In Sachen Architektur, erbaut und erlebt, gibt es Laien und Fachleute. Beide machen ihre Kommentare, urteilen und bewerten. Meistens kontrovers, oft unversöhnlich. Wer hat Recht? Architektur zu betrachten sei halt subjektiv, sagen die Laien, und deren Beurteilung mehr emotional geprägt als rational argumentiert. Immerhin ist Architektur eine handfeste Sache. Und die hat, um beim Titel zu bleiben, rationale, emotionale und sinnliche Qualitäten.

Wahrnehmung ist durch Erlebnisse geprägt, durch die eigene Geschichte, den eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund. Was wir schon in der Familie gehört haben, an was wir glauben, was uns logisch und wahr erscheint, das steht hinter der Wahrnehmung. Oder steht es davor? Ein Beispiel zur Illustration, allen vertraut, ist der Wohnort. Historisch gewachsen und weiter wachsend ist er geprägt aus dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Seine Erscheinung ist genährt vom Bedürfnis des Menschen, sich und seinen alltäglichen Tätigkeiten eine Behausung zu geben. Und [sie ist] geformt vom Wunsch, diese [Tätigkeiten] repräsentativ darzustellen. Den Wohnort zu kennen heisst darum die materiellen und ideellen Gegebenheiten des Ortes zu verstehen, dessen Geschichte zu kennen, zu wissen wie und warum sich der Ort verändert hat. Kennt [aber] den Ort, wer alles weiss? Nein. Denn das Wissen versperrt uns oft den Weg, mehr und anderes zu sehen als das, was uns schon bekannt ist. Mehr über den Ort zu erfahren heisst darum, ihn auch spontan und unbekümmert zu erfassen, seine Eigenheiten mit den Sinnen zu erfahren und mit Gefühl zu erleben.

Architektur-Wahrnehmung ist zuerst einmal sinnlich. Und selbstverständlich emotional. Und hoffentlich auch sachlich und überlegt. Sinnlich wahrnehmen heisst: Unsere Aufmerksamkeit wird weggeführt von den Vorurteilen des schon Gewussten. Sehend, hörend, riechend, tastend und bewegend werden wir architekturbewusst. Die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit erweitert unsere Fähigkeit, das Gebaute, das uns täglich umgibt, bewusst und differenziert zu erleben. Tatsächlich: Körperbewusstsein ist eine Voraussetzung zum Architekturbewusstsein. Die gesteigerte räumliche Erlebnisfähigkeit fördert die Kompetenz, Architektur bewusst, kritisch und vorurteilslos zu erleben. Die Devise von Pestalozzi „Hand, Herz und Kopf“ lässt sich durchaus übertragen: Architektur wird sinnlich wahrgenommen, psychisch erlebt und intellektuell erfahren. Das ist gemeint, wenn in architektonischen Wahrnehmungstheorien vom Wahrnehmungsraum, vom Erlebnisraum und vom Erfahrungsraum gesprochen wird. Sinnliche Wahrnehmung ist eine praktische Sache. Der Gebrauch der Sinne ist eine innovative Angelegenheit. Bekanntes wird neu erlebt, Überraschungen sind nicht auszuschliessen. Und auch die emotionale Seite darf zu ihrem Recht kommen. Ein Bau kann Lust und Unlust, Vorliebe und Abneigung auslösen. Er wirkt symbolisch und weckt Erinnerungen. Alles Eindrücke, welche Architekturbetrachtung zu einem ganzheitlichen und spannenden Erlebnis machen.

Genügt das? Natürlich nicht. Die kritische Befragung und Beurteilung eines sinnlich wahrgenommenen und emotional empfundenen Sachverhalts setzt klares, methodisches Denken voraus. Nachvollziehbarkeit ist erwünscht. Methode nicht als Rezept, sondern als Hygiene der Gedanken, die in eine vorurteilslose Wahrnehmung münden.

Zum Beispiel die Konstruktion. Sie ist funktionalen Bedingungen unterworfen. Was ist mit welchen Methoden und Materialien, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen, zu welchem Zweck konstruiert? Konstruktion hat einen Sinn in ihrer Zweckmässigkeit. Konstruktion ist aber auch sinnlich erlebbar. Sie hat eine ästhetische Bedeutung, über den visuellen Ausdruck kann sie einen künstlerischen Wert erhalten. Und sie ist subjektiv erlebbar, ihre Bedeutung ist assoziativ, sie kann mich an etwas erinnern.

Architektur ist das Gefäss, das Leben ist der Inhalt. Das heisst, Architektur wird gebraucht. Jedes Gebäude lässt sich durch seinen Gebrauch erklären. Zweckdienlichkeit in der Architektur heisst in erster Linie, dass ein Gebäude praktische Zwecke erfüllt. Darüber hinaus bedeutet Zweckdienlichkeit aber auch, dass der geplante Gebrauch wahrnehmbar ist. Und da sind die Sinne beteiligt. Theorie und Geschichte der funktionalen Gestaltung zeigen eindrücklich, dass das, was für den Gebrauch als zweckmässig empfunden wurde und wird, von praktischen Bedürfnissen geprägt ist, die sehr unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Aber immer ist die Form eine Antwort auf eine Gebrauchs- und Lebensvorstellung. Und die [Gebrauchs- und Lebensvorstellungen] haben ihre sinnliche und ihre emotionale Seite.

Was ist gemeint? Der sinnliche Umgang mit Architektur ist tätlich. Die praktische, körperliche Begegnung kann neue Perspektiven eröffnen, kann den Blick frei machen auf Qualitäten, die hinter rational getarnten und emotional eingenebelten Vorurteilen versteckt waren. Das Nützliche der Architektur kann durchaus sinnlich sein. Und umgekehrt.

Georges Frey, in den 90er Jahren Denkmalpfleger App. A.Rh., in: Aktion Architektur. Architekturbetrachtung, Herisau 1994, S. 74f.

En Appezellerhüsli

En Appezellerhüsli
hed Frohsinn ond Verstand
ond luegt mit helle Schiibe
i d Sonn ond wiit is Land.

Ond send au Täfel vorne
recht bruun ond höbsch verbrennt,
me wird bi üüs vom Wetter
nütz möndersch as verwennt.

Drom hed au s Huus för d Kelti
de geschendlet Tschoope n aa,
ond d Feeschter hennen osse
mönd Regetächli haa.

(Au Blitzableiterstange
stöhnd nüd gad doo för nütz,
sös wär jo son e Hüüsli
e Fresse för de Blitz.)

Es stoht i menge Gfohre
ond glich i Gottes Hand,
ond hed wie d Lüüt drenn inne
viel Frohsinn ond Verstand.

Julius Ammann; die vierte Strophe ist Volkstradition

Die appenzellische Landschaft

Nach 50 Jahre Vorstandsarbeit hat Ernst Sughner seine Gedanken zur appenzellischen Landschaft zu Papier gebracht:

Qualität der appenzellischen Landschaft
"Die Attraktivität des Appenzellerlandes besteht in seiner hügeligen, offenen, traditionellen Kulturlandschaft. Im transparenten Charakter dieser Landschaft liegt jedoch auch ihre grosse Empfindlichkeit." (Nicole Bolomey)
Landschaft wird unterschiedlich wahrgenommen. Distanz, Blickrichtung, Blickwinkel, Jahreszeit, Tageszeit, Wetter, Vegetation, Beleuchtung, Atmosphäre spielen eine Rolle. Aus grosser Entfernung bietet das Appenzellerland ohne Zweifel einen schönen Anblick. Ein Beispiel: Erreicht man nach der Lustmühle auf der Umfahrungsstrasse die Anhöhe, fasziniert die sich öffnende Aussicht auf die appenzellische Streusiedlung. Kommt man näher, erscheinen die Details - schöne, welche den Eindruck bestätigen, und weniger schöne, welche die Begeisterung mindern.
Auch der Einfluss des Wetters ist gross. Es gibt Tage, da erscheint uns das Appenzellerland hell und heiter, an andern trüb und trist. Neben der Atmosphäre der Umwelt spielen auch Stimmung und Verfassung des Betrachters eine Rolle. Je nach Art der Gedanken und Ueberlegungen, je nach Interesse und Aufmerksamkeit entstehen unterschiedliche Wahrnehmungen der Landschaft. So ist die Landschaftswahrnehmung nicht nur in der Gesellschaft unterschiedlich, sondern auch bei der einzelnen Person.
Walzenhausen, 19. April 2013    Ernst Suhner

Die Elemente der appenzellischen Landschaft
Die appenzellische Landschaft besteht im wesentlichen aus Naturlandschaften, traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaften und traditionellen Dörfern. In diese Landschaft mischen sich seit einigen Jahrzehnten in zunehmendem Masse modernisierte Landwirtschaftsbetriebe, moderne Siedlungen und diversere Anlagen und Bauten der Zivilisation der jüngsten Vergangenheit und unserer Zeit.
Die appenzellische Landschaft wird als ländliche Gegend empfunden. Sie wirkt noch recht naturnah, jedoch unterschiedlich, je nachdem wir von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden blicken. Schauen wir von Norden nach Süden, sehen wir vor dem Alpstein die schwach besiedelten Nordhänge der Hügel. Dieser Anblick bestätigt unsere Vorstellung vom unversehrten, naturnahen Appenzellerland. Schauen wir vom Alpstein oder den vorgelagerten Hügeln nach Norden, schweift der Blick über zahlreiche Dörfer, und wir erhalten den Eindruck eines dicht besiedelten Gebietes.
Die Grösse und Qualität der Dörfer sind wesentlich mitentscheidend für das Gesamtbild der Landschaft. Nach langer Ruhepause vor, während und nach dem 2. Weltkrieg setzte auch im Appenzellerland neue Bautätigkeit ein. Dadurch haben sich die appenzellischen Dörfer zum Teil massiv ausgedehnt.
Die Durchmischung unterschiedlicher Bauten aus alter und neuer Zeit ist in unseren Dörfern und zum Teil auch ausserhalb derselben grösser als allgemein angenommen. Vielen Leuten fällt das nicht auf, und sie wähnen sich noch immer in den altvertrauten traditionellen Appenzeller Dörfern.
Der ländliche und naturnahe Charakter des Appenzellerlandes bleibt gewahrt, solange die Dörfer in die Natur und die bäuerliche Kulturlandschaft eingebettet sind. Er geht verloren, wenn Natur und Landwirtschaftsgebiet die Dörfer nur noch umsäumen oder zwischen sie eingestreut sind. Diese Tendenz wird je nach Blickwinkel auch im Appenzellerland spürbar. Von einer ländlichen Gegend erwartet man, dass man der Zivilisation, ihrem Betrieb und Anblick entfliehen, dass man stundenlang durch Natur und Bauernland wandern kann. Die Qualität des Appenzellerlandes zu erhalten, heisst also vordringlich, die Dominanz der Natur zu gewährleisten.
   
Die traditionelle bäuerliche Kulturlandschaft
In der traditionellen kleinbäuerlichen Kulturlandschaft stimmen Natur, Bewirtschaftung, Siedlungsstruktur, Siedlungsdichte und Bauten überein. Die Bauten aus einheimischem Baumaterial und in bewährter Konstruktion fügen sich optimal in die Natur ein und bilden mit ihr zusammen die Kulturlandschaft. In dieser dominiert die Natur den Gesamteindruck.
In die kleinbäuerliche Landschaft sind auch Zeugen ehemaliger Handwerksbetriebe und der frühen Industrialisierung eingestreut. Die ersten Fabriken im Appenzellerland waren auf die Wasserkraft angewiesen, standen daher an den Bachläufen und waren meist versteckt und wenig sichtbar.
Die traditionelle kleinbäuerliche Kulturlandschaft blieb im Appenzellerland bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunders gut erhalten, und die Bauernhäuser erfüllten ihre angestammte Funktion. Dann setzte allmählich ein Wandel ein, der zur heutigen Landwirtschaft mit weniger, dafür grösseren und mechanisierten Betrieben führte. Am Anfang dieses Wandels wurden meist traditionelle Bauernhöfe vergrössert und mit Nebengebäuden ergänzt - manchmal eine wenig erfreuliche Lösung. Dann folgte der Bau neuer Scheunen - mit oft ebenfalls unerfreulichen Resultaten. Der Kanton nahm sich des Problems an, gab Richtlinien und Anleitungen heraus und forderte und förderte gute Lösungen. So können wir uns in Ausserrhoden über viele sorgfältig gestaltete und gut gelungene neue Stallbauten freuen. Ein Problem bleibt allerdings die Grösse. Im Umfeld der grossen Ställe erscheinen die alten Häuser noch kleiner als sie schon sind. Und die Natürlichkeit der Landschaft wird gemindert. Die Standortwahl ist deshalb äusserst wichtig.
Parallel zur Modernisierung der Landwirtschaft erfolgte die Umnutzung der nicht mehr benötigten Bauernhäuser. Auch hier hat der Kanton Beschränkungen erlassen und Anleitungen zu guten Lösungen herausgegeben. Und so gibt es viele Beispiele umgenutzter Bauernhäuser, die sich gut in die traditionelle Bauernlandschaft einfügen. Es braucht aber weiterhin grosse Anstrengungen, gute Lösungen zu finden und schlechte zu vermeiden, besonders auch in der Umgebungsgestaltung. Die Erstellung von Ersatzbauten ist anspruchsvoll. Nicht alle können als gelungen bezeichnet werden.
Die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Nutzung ehemaliger Bauernhäuser als Wohn- oder Ferienhäuser führte zum Bau zahlreicher Güter- und Zufahrtsstrassen. Das minderte ebenfalls die Natürlichkeit der Landschaft. Erschliessungen der letzten abgelegenen Häuschen sollten unterlassen werden.
Charakter und Qualität der appenzellischen Bauernlandschaft sind nicht durchwegs gleich. Es gibt Unterschiede. Das erfordert und ermöglicht unterschiedliche Massnahmen in Bezug auf Schutz, Entwicklung und Gestaltung der Landschaften.
Südhänge - Nordhänge In der Südansicht zeigen die Häuser ihre meist gut erhaltenen und gepflegten Hauptfassaden, viele mit sonnengebräuntem Täfer. Die Nordansicht zeigt uns die Rückfassaden der Häuser. Diesen wird weniger Bedeutung zugemessen als den Hauptfassaden, und in Bezug auf Material und Farbe wird mehr Freiheit erlaubt und genutzt. Sie erzeugen ein wesentlich anderes Landschaftsbild als die Hauptfassaden. Nebst den schwach besiedelten Nordhängen, die unsere Vorstellung vom naturnahen Appenzellerland bestätigen, gibt es auch dichter besiedelte, wo uns zahlreiche Häuser ihre Rückseite zukehren, beispielsweise zwischen Teufen und Speicher und in Hundwil in den intensiv bewirtschafteten, sanft nach Norden abfallenden Hängen.
Ursprünglich erhalten - stark modernisiert: Intakte traditionelle Bauernlandschaften sind selten geworden. Es gibt aber noch Landschaften, die ihr traditionelles Aussehen weitgehend bewahrt haben. So bietet z.B. das Gebiet Steblen, Rechberg einen erstaunlich schönen Anblick. Gut erhaltene traditionelle Landschaften finden wir auch in Teufen Tobel, im Grenzgebiet der Gemeinden Teufen, Speicher, Trogen, Bühler, sowie an den Sonnenhängen der Gemeinde Wald. Bei besonders schönen ursprünglich erhaltenen Bauernlandschaften sollte der Schutz verstärkt werden (spezielle Sorgfalt bei Platzierung, Volumen und Gestaltung neuer Scheunen). Bei stark modernisierten Landwirtschaftsgebieten gilt es, ein verträgliches Nebeneinander von Tradition und Moderne zu schaffen.
Kleine Heimwesen - grössere Heimwesen: Im kleinräumigen und dichtbesiedelten Vorderland sind die Heimwesen meist kleiner als im Hinterland. Besonders hübsche Landschaften mit kleinen Heimwesen gibt es in Rehetobel. Im Hinterland gibt es viele stattliche Bauernhäuser. Viele schöne Bauernhäuser stehen auf exponierten Höhen und verdienen daher besondere Beachtung.
Spärlich bebaut - dicht bebaut: An Nordhängen und in erhöhten Lagen gibt es Landschaften mit weniger als 10 Gebäuden pro km2. Hier bieten sich Gelegenheiten für besonders effizienten Landschaftsschutz. Wenn einerseits eine einzige Eternitfassade die Natürlichkeit einer solchen Landschaft beeinträchtigen kann, so kann andererseits mit wenigen guten Renovationen eine weiträumige Natur- oder Kulturlandschaft erhalten werden. Geeignet dazu wäre z.B. das Gäbrisgebiet. In dicht bebauten Gebieten ist der Landschaftsschutz kostspieliger.
Offene Landschaft - verborgene Landschaft: Versteckte, verborgene Landschaftsteile gibt es im Appenzellerland viele. Sie bieten die Möglichkeit, kostbare Idyllen zu erhalten.
   
Die appenzellischen Dörfer
Die appenzellischen Dörfer sind (oder waren) Edelsteine auf grünem Sammet. Ursprünglich scharten sich um die Kirche einige traditionelle Appenzellerhäuser. Fabrikantenhäuser orientierten sich am Barock, Rokoko und Klassizismus. Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts breiteten sich Bauten im Stile des Biedermeiers und Klassizismus aus. Dann kamen historisierende Stile, Jugendstil und Heimatstil dazu. Diese Stilformen, anfänglich oft abgelehnt und bekämpft, sind heute akzeptiert und prägen gemeinsam unsere Dörfer.
Wertschätzung und Vorrang der Tradition
Die Bautradition einer Landesgegend schafft einen einzigartigen, unverwechselbaren Baubestand, welcher Identität stiftet und Heimatgefühl vermittelt. Diese materiellen und emotionalen Werte wurden besonders stark empfunden, als nach der langen Ruhepause vor, während und nach dem 2. Weltkrieg in den Sechzigerjahren neue Bautätigkeit einsetzte. Den neuen und fremdartigen Bauformen begegnete man vielfach mit Argwohn und Skepsis. Der überlieferte Baubestand war damals Standard, von der Prominenz und dem Mittelstand bewohnt und genügte noch lange den Ansprüchen der Bewohner.
Die weit verbreitete Wertschätzung der überlieferten Bausubstanz spiegelt sich auch in der Politik und Gesetzgebung und im Bestreben, die traditionelle Baukultur weiterzuentwickeln. Nach Gesetz und Brauch haben sich Neubauten an die überlieferten Bauten anzupassen und in die bestehende Landschaft und Siedlung einzufügen. Die bestehende Siedlung ist der Massstab.
Emanzipation moderner Architektur
In den jüngst vergangenen Jahren haben sich Akzeptanz und Wertschätzung verschoben. Moderne Architektur ist auch im Appenzellerland eingezogen und hat sich durchgesetzt. Der zeitgemässe Wohnkomfort, den sie bietet, wird geschätzt und gesucht. Moderne Architektur wird von grossen Teilen der Bevölkerung akzeptiert und den alten Bauten vorgezogen.
Bauten und Quartiere der letzten 50 Jahre
Konventionelle Einfamilienhäuser Die seit 1960 erstellten Bauten sind mehrheitlich akzeptiert, gebräuchlich, üblich. Ich möchte sie als konventionelle Bauten bezeichnen. Die Einfamilienhausquartiere bestehen aus einem an die Tradition angelehnten schweizerischen Mix von Eigenheimen und Landhäusern. Mit Bauvorschriften über Gebäudehöhe und -länge, Dachformen, Firstrichtung etc. ist eine gewisse Ordnung erreicht worden; und es sind unter anderem erfreuliche Quartiere entstanden. Die individuellen Bauten (auch die alten Appenzeller haben innerhalb der Bautradition individuell gebaut) erzeugen einigermassen einen dörflichen Charakter. Deshalb sind diese Quartiere trotz der Abkehr von der appenzellischen Bauweise recht gut in die Dörfer integriert. Viele Leute wähnen sich noch immer in den altvertrauen traditionellen Appenzellerdörfern. Das entspricht allerdings nicht der Realität. Die Durchmischung unterschiedlicher Bauten in unsern Dörfern ist grösser als allgemein angenommen und die appenzellische Identität angeschlagen. Zur Erhaltung appenzellischer Identität braucht es unbedingt die Ortsbildschutzzonen.
. Wo Bauvorschriften fehlten oder ungenügend angewandt wurden, entstand oft ein Sammelsurium (Unordnung, Durcheinander) verschiedener Bauformen. Ein kleiner Trost ist, dass solche Quartiere meistens anfänglich am schlimmsten aussehen und sich das Bild im Laufe der Zeit durch Alterung und Begrünung (evt. auch infolge Gewöhnung) verbessert. Leider entwickeln sich auch heute noch chaotische Quartiere, was dem Art. 112 des Baugesetzes von 2003, wonach Bauten und Anlagen so in ihre bauliche und landschaftliche Umgebung einzufügen sind, dass eine gute Gesamtwirkung entsteht, widerspricht.
Serienhäuser und Terrassenhäuser Serienmässiges Bauen ist in der appenzellischen Bautradition nicht üblich. Sozusagen alle Häuser haben ihren individuellen Charakter. Die Aneinanderreihung oder Anhäufung serienmässiger Bauten kann zu einer grossen Auffälligkeit und dadurch zur Störung des Landschaftsbildes führen. Terrassenhäuser können einen unerwünschten grossen Teppich in der Landschaft bilden.
Mehrfamilienhäuser In den 1960er Jahren wurden in appenzellischen Dörfern die ersten modernen Wohnblöcke gebaut. Ueberraschender Weise haben sie das Landschaftsbild nicht so stark verändert wie befürchtet. Sie stehen meistens in Mulden oder ebenem Gelände und haben geringe Fernwirkung. Gut integrierte Mehrfamilienhäuser finden wir in Speicher, im Dorfzentrum von Rehetobel. in Heiden (Werd, Rosental), in Wolfhalden (Kronenwies). Im Quartier Steig in Bühler stehen Wohnblöcke verstreut ausserhalb des Dorfes.
Quartiere aus neuen Appenzellerhäusern In Harschwendi Ost Waldstatt, Niederen Trogen, Langacker Gais und vielleicht noch anderswo sind Quartiere mit neuen Appenzellerhäusern entstanden. Kritiker sagen, die traditionellen Häuser könnten die heutigen Wohnbedürfnisse nicht abdecken und wegen der Konstruktionsweise und grösseren Raumhöhen ästhetisch nicht befriedigend gestaltet werden. Besonders bemängelt wird der Kniestock anstelle des 2. Vollgeschosses. Neue Appenzellerhäuser seien nicht echt und nicht ehrlich. Zugegebenermassen gibt es neue Appenzellerhäuser, die plump und stelzig daherkommen. Viele aber machen einen angenehmen Eindruck, und offenbar sin die Besitzer mit der Wohnqualität ihres neuen Appenzellerhauses zufrieden und fühlen sich darin wohl. Und schliesslich geht es in diesen Quartieren nicht um die Perfektion des einzelnen Hauses, sondern um die Einfügung in die Landschaft. Rosmarie Nüesch hat einmal gesagt, diese Siedlungen seien das kleinere Uebel. Und vielleicht können neue Appenzellerhäuser - im Gegensatz zu Allerwelts- Einfamilienhäusern - doch ein bisschen zur Identität des Appenzellerlandes beitragen.
Moderne Architektur
Heute verlagert sich die Bautätigkeit immer mehr von konventionellen zu modernen Gebäuden. Funktionalität und einfache Bauformen sind oberstes Gebot, raumhohe Fenster und Glasfassaden sehr beliebt, Flachdach und Pultdach Normalität. Moderne Bauten findet man in normalen Neubauzonen, in Lücken von überliefertem Baubestand, selbst in der Nähe geschützter Appenzellerhäuser. Es gibt moderne Bauten, die sich gut ins Gesamtbild einfügen, und andere, die dies nicht tun, weil sie in Grösse, Form, Farbe auffallen oder sehr exponiert sind. Einfügen, ein gutes Gesamtbild erreichen heisst, die Bauten so platzieren und gestalten, dass sie nicht auffallen. Flachdächer und Pultdächer sind noch immer problematisch. In einer Giebellandschaft können sie stören.
Die Entwicklung wird wohl so verlaufen, dass die Bevölkerung sich je länger je mehr an die moderne Architektur gewöhnt und sie akzeptiert. Die moderne Architektur würde dann zu einem selbstverständlichen Bestandteil der appenzellischen Landschaft.
Es ist aber zu beachten, dass der ländliche und dörfliche Charakter des Appenzellerlandes erhalten bleibt. Die Konfrontation moderner Bauten mit der Bauernlandschaft scheint mir problematisch. Moderne Bauten sollten in die bestehenden Siedlungen integriert werden und auch alte Bausubstanz ersetzen können.

Ortsbildschutzzonen
Die Ortsbildschutzzonen von nationaler Bedeutung geniessen einen guten Schutz. Dieser muss unbedingt weiter geführt werden, denn diese geschützten Ortsbilder sind für die Identität des Appenzellerlandes wichtig, attraktiv für Einheimische und Touristen, und sie sind Lehrbeispiele für eine Gesellschaft, in der ästhetisches Empfinden bei vielen abgestumpft ist und man sich an chaotische Siedlungsbilder gewöhnt hat.
Auch die kommunalen Ortsbildschutzzonen bergen wertvolle architektonische Schätze. Inwieweit die Schutzbestimmungen angewandt werden, ist ohne Untersuchungen bzw. Auskünfte der Fachstellen schwer abzuschätzen. Neuerdings wird gegen die kommunalen Schutzzonen Sturm gelaufen und deren Abschaffung verlangt. Es wird dabei vergessen, dass Ortsbildschutz nicht Stillstand
und absolutes Bauverbot bedeutet, sondern Erneuerungen und unerlässliche Ersatzbauten bei sorgfältiger Einfügung und Gestaltung möglich sind. Die Erfahrung zeigt, dass bei Renovationen und Neubauten ausserhalb der Ortsbildschutzzonen oft sehr unsensibel vorgegangen wird. Es wäre verheerend, wenn dasselbe auch in den bisher geschützten Ortsbildern geschehen würde.
Veraltete Quartiere mit Nutzungsproblemen
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Viele alte Bauten, manchmal ganze Strassenzüge oder Quartiere, genügen den Ansprüchen an den zeitgemässen Wohnkomfort nicht. Nutzung, Vermietung und Verkauf sind oft schwierig. Exponenten aus Politik und Wirtschaft fordern die Erneuerung oder den Ersatz grosser Teile der alten Bausubstanz.
Mit dem Abbruch von Häusern verschwindet eine vertraute Umgebung, für Bewohner oder Anwohner ein Stück Heimat. Vor allem der Abbruch von Appenzellerhäusern tut vielen Leuten weh. Wenn aber solche Häuser nur noch die Passanten erfreuen, die Bewohner hingegen unzufrieden sind, ausziehen oder ausbleiben, macht die Erhaltung der Bauten wenig Sinn.
Der Abbruch alter Quartiere eröffnet die Möglichkeit, neue Mehrfamilienhäuser, Geschäftshäuser usw. ins Dorf hinein, in Zentrumsnähe zu stellen, anstatt an den Dorfrand. Damit gewinnt das Dorf mehr Leben, und die Ausdehnung der Siedlungen in die grüne Landschaft wird gebremst.
Nun steht, wie schon gesagt, die Forderung im Raum, die kommunalen Ortbildschutzzonen abzuschaffen oder zu verkleinern. Die Schutzzonenplanung wurde 1972 mit Enthusiasmus an die Hand genommen. Der Ausserrhoder Heimatschutz war daran massgeblich beteiligt. Opposition war kaum zu spüren. Damals konnte man nicht ahnen, wie sehr sich die Lebensweise der Bevölkerung und die Wohn- und Nutzungsansprüche an die Gebäude ändern würden. Angesichts der grossen Veränderungen muss der Ortsbildschutz neu verhandelt werden. Ob Teile der kommunalen Ortbildschutzzonen zu wenig Qualität besitzen und deshalb aus dem Schutz entlassen werden sollen, muss sorgfältig geprüft werden. Die Abschaffung der kommunalen Ortsbildschutzzonen ist keine Lösung. Die Möglichkeiten der Erneuerung sind auch in den Ortsbildschutzzonen ausreichend. Unsere Dörfer sollen ihre Identität bewahren und als Appenzeller Dörfer erkennbar bleiben.
   

Qualität und Probleme einzelner Gemeinden und Landschaften
Die meisten Werbefotos über das Appenzellerland stammen aus Waldstatt, Teufen, Rehetobel, Gais sowie von erhöhten Lagen und Hügeln. Sie zeigen das appenzellische Hügelland und die Alpsteinkulisse. Auf der Achse Schönengrund, Waldstatt, Hundwil, Stein, Teufen, Speicher, Wald, Rehetobel ist die Transparenz am grössten. Die Dörfer haben Sichtkontakt, liegen also in der Aussicht der andern und sollen deshalb aufeinander Rücksicht nehmen. Die sonnigen Terrassen, Mulden und Hänge sind dicht besiedelt. Industriebauten sind in dieser Landschaft selten und wenig auffallend. Waldstatt hat eingezonten Boden, der es erlaubte, in jüngster Zeit ein Fabrikgebäude in eben diesem sensiblen Gebiet zu erstellen.
Herisau ist topographisch vom übrigen Kantonsgebiet abgeschieden. Was dort baulich geschieht, hat geringen Einfluss auf die Appenzeller Landschaft. Herisau hat Ausblick auf den zentralen Teil des Alpsteins mit dem majestätischen Säntis. Folglich ist Herisau auch vom Säntis aus sichtbar, aber doch in recht grosser Entfernung. Auch Urnäsch hat keinen Sichtkontakt zu einem anderen appenzellischen Dorf.
Einen besonders engen Kontakt untereinander haben die vier Dörfer Speicher, Trogen, Wald und Rehetobel im Einzugsgebiet der Goldach. Zudem haben sie unterschiedliche Fernsichten Richtung Alpstein, Toggenburg, Thurgau, Bodensee und Vorarlberg.
Dem Appenzellerland abgewandt und Richtung Bodensee, Deutschland, Rheintal und Vorarlberg orientiert sind die Vorderländer Dörfer Heiden, Grub, Wolfhalden, Lutzenberg, Walzenhausen und Reute. In diesem dicht besiedelten Landesteil fehlen weiträumige Landwirtschaftsgebiete. Die abwechslungsreiche Bodengestalt bietet mancher landschaftlichen Idylle Unterschlupf und den exponierten Anhöhen eine grossartige Aussicht.
Wie sich Herisau entwickelt, berührt die appenzellische Landschaft nur geringfügig. Im ausserrhodischen Hauptort herrscht gegenwärtig eine rege Bautätigkeit. Herisau nimmt immer stärker städtischen Charakter an. Das Industriegebiet in der Talmulde findet in den umliegenden dicht bebauten Quartieren mit zum Teil grossen Gebäuden einen starken Gegenpol und ist recht gut in die "Stadt" integriert.
Urnäsch ist die alpinste Gemeinde in Ausserrhoden. Sie hat viele ursprünglich erhaltene Landwirtschafsgebiete. Die von der Topographie gebotenen Möglichkeiten, neue Ställe diskret zu platzieren, wurde in vielen Fällen genutzt. Der Dorfplatz als nationales Kulturobjekt wird nach wie vor geschätzt und gepflegt. Mit dem Reka-Feriendorf hat Urnäsch ein Pilotprojekt erhalten. Es duckt sich in eine Geländemulde und wirkt nur von der südlichen Anhöhe aus betrachtet als grosser (fremder) Komplex. Es wäre denkbar, die architektonischen Anregungen
aufzunehmen und im Umfeld des Reka-Feriendorfes weiterzuentwickeln. Eine - bisher zu wenig erfolgreich gemeisterte - Herausforderung ist die Bebauung des sonnigen Hanges über dem Dorf. Aus heutiger Sicht ein Nachteil ist die ausgedehnte lockere Bebauung im Gebiet Tal.
Im national geschützten Ortsbild von Schwellbrunn stehen etliche Ersatzhäuser im Appenzellerstil. Der Bau neuer Appenzellerhäuser wurde häufig verunglimpft, belächelt und abgelehnt. Am Beispiel von Schwellbrunn kann diskutiert werden, ob solche Häuser nicht doch besser sind, als die Kritik wahrhaben will.
Eine in der Appenzeller Zeitung veröffentlichte Vision enthielt die Option, Schönengrund an das Toggenburg abzutreten. Wäre nicht der Wegfall des sympathischen Dörfchens mit den schönen Häuserzeilen im Dorfkern schade?
Waldstatt hat schöne Bauernhäuser. Mit einer freudigen Ueberraschung wartet Oberwaldstatt auf. Auf dem breiten Hügelrücken stehen mehr als ein halbes Dutzend stattliche Bauernhäuser und nur ein einziger moderner Stall. Diese ist gut hinter einem Bauernhaus platziert und weist etwa dessen Volumen auf. Wieso sind hier keine moderne Bauernhöfe anzutreffen? - Weil sich diese unterhalb der Krete am Südhang befinden. So ist der Anblick des traditionellen Siedlungsbildes erhalten geblieben. Schade ist nur, dass die Mehrzahl dieser Häuser nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden, sondern als reine Wohnbauten dienen.
Hundwil tut sich schwer mit der Ortsdurchfahrt und dient als Kulisse für das Festspiel "Der dreizehnte Ort." Inwieweit das Dorf Hundwil lebendig bleiben oder noch belebter werden kann, wird die Zukunft zeigen. Hundwil ist die Bauerngemeinde Ausserrhodens. An Vereinsveranstaltungen in der Schulanlage Mitledi habe ich eine frohe, gesprächige, kontaktfreudige Bevölkerung angetroffen.
Im Dorf Stein ist in letzter Zeit viel gebaut worden. Die Neubauten scheinen auf den ersten Blick gut integriert zu sein. Muss noch genauer betrachtet werden.
Im Gegensatz zu Herisau ist in Teufen die Entwicklung zur Stadt bzw. Vorstadt problematisch. Teufen sollte weiterhin als Dorf erscheinen. Die Transparenz dieser Landschaft verträgt keine Vorstadt. Der Verlust des Café Spörri ist gesellschaftspolitisch bedauerlich. Dass das Neubauprojekt nicht zustande gekommen ist, bedauere ich nicht. Teufen hat einige Anschauungsobjekte, deren Erscheinung und Wirkung diskutiert werden könnte: Geschäftshaus beim Kreisel (beim Hotel Linde), Mehrfamilienhaus mit Giebeln und unregelmässigen Fenstern, auch nahe Hotel Linde (geeignet zur Einfügung in Giebellandschaft?), Altersheim Krankenhausstrasse (eingefügt oder dominanter Akzent?). Seine schönen Bauernlandschaften sollte Teufen als reiche Gemeinde besonders gut pflegen.
In Bühler sind die stattlichen Dorfhäuser entlang der Hauptstrasse zum grossen Teil unverändert erhalten geblieben. Im Gebiet Steig ist ein ziemlich ungeordnetes Quartier entstanden. Die Fabriken verteilen sich auf verschiedene Standorte: Dorf, Noblake, Melsterböhl, Au. Eine reizvolle, auch geologisch interessante Tallandschaft ist dadurch stark verändert worden. Andererseits besitzt Bühler an Hängen und auf Höhen sehr schöne Bauernlandschaften, die eine gute Pflege verdienen.
Der Dorfkern von Gais ist ein geschütztes Ortsbild von nationaler Bedeutung. Das Dorf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark vergrössert. In Zwislen und Rotenwies hat sich eine lockere Ueberbauung weit in die Natur ausgedehnt. In Gais sind besonders viele neue Appenzellerhäuser gebaut worden. Deshalb kann hier ihr Einfluss auf Siedlung und Landschaft gut studiert werden.
Speicher ist weniger exponiert gelegen als Teufen. Die seit langem bestehenden grossen Häuser haben die neuen Mehrfamilienhäuser (bis jetzt) gut aufnehmen können.
Trogen, der ehemalige Hauptort mit der glorreichen Vergangenheit, sucht seinen Platz in der Zukunft. Was soll Trogen bleiben, was soll es werden? Gegenwärtig wird über das Bahnhofareal diskutiert.
Wald ist ein kleines Dorf. Die Fabrikgebäude der Firma Walser haben in ihrer Entstehungszeit grosse Diskussionen ausgelöst. Heute sind sie selbstverständlicher Bestandteil des Dorfes. Wald hat noch die Gelegenheit, neue Gebäude harmonisch einzufügen und ein klar begrenztes Dorf zu bilden. Es gibt auch Gebäude, die ersetzt werden dürften. Unschön ist das Gewerbegebiet Ebni. Wald besitzt wunderschöne Bauernlandschaften.
Rehetobel liegt beneidenswert an einem sonnigen, aussichtsreichen Hang. Die Stimmbürger haben kürzlich eine weitere Einzonung abgelehnt. An der Halden zwischen Dorf und Ausserkaien können zwei Ersatzbauernhäuschen und deren Erschliessung begutachtet werden.
Das Dorf Grub ist stark gewachsen. Die neuen Quartiere fügen sich recht gut ins Gesamtbild ein. Von den (ursprünglich) schönen Weilern Hartmannsrüti und Schwarzenegg erstreckt sich über den Kaien bis Unterrechstein eine hübsche Bauernlandschaft.
Der Dorfkern von Heiden thront auf der Anhöhe des Kirchenplatzes und der Seeallee, und die Quartiere Blumenfeld, Werd, Rosental und Bissau betten sich in die Mulde des Gstalden- und des Löchlibaches. Schöne Bauergüter am Rosenberg, Hasenbühl, auf Brunnen, Bischofsberg und Langmoos umrahmten das Dorf. Nun sind die Häuser an den Hängen empor geklettert. Die Bauernlandschaft ist stark zurückgedrängt und weitgehend aus dem Gesichtsfeld des Dorfes verschwunden.
Jüngst ist an der Poststrasse ein sorgfältig eingefügter Neubau entstanden. Bissau war das Mattenquartier, die Unterstadt, von Heiden. Heute ist es vermischt mit Mehrfamilienhäusern und grossen Fabrikbauten. Planer würden vielleicht sagen, es sei missraten, andere finden das Quartier heute noch sympathisch. Im Bissau stehen die ältesten Wohnblöcke. Sie haben einen recht nüchternen Ausdruck.
Einen Gesamtüberblick über Wolfhalden gewinnt man nur von Grub SG und Wienacht aus. In dieser Gesamtsicht fallen die grossen Fabrikbauten auf, die man bei einer Fahrt durch Wolfhalden kaum wahrnimmt. An der alten Landstrasse finden wir die Appenzellerhäuser, die neue Kantonsstrasse ist von klassizistischen Bauten geprägt. Neue Ein- und Mehrfamilienhäuser sind südlich oberhalb des Dorfkerns angesiedelt. Die freigebliebene Wiese dazwischen soll demnächst überbaut werden. Hinter der historischen Häuserzeile im Luchten sind einige Würfelhäuser platziert worden.
Zu Lutzenberg gehören die zwei Juwelen von Wienachttobel, das aussichtsreiche Bergdörfchen Wienacht und das wetter- und kulturgeschützte Tobel. Im östlichen Gemeindeteil Haufen, Brenden, Hof sind viele neue Häuser gebaut worden. Man könnte meinen, sie gehören zum Rheintal. Vor langer Zeit befasste sich der Heimatschutz intensiv mit dem Industriekomplex Streichenberg an der Grenze zu Tal. Jetzt ist schon lange nicht mehr davon gesprochen worden.
Walzenhausen hat von alters her viele Siedlungsgebiete und daher wohl den kompliziertesten Zonenplan des Kantons. Das hat zur Folge, dass auf Restparzellen von bestehender Siedlungen neue Häuser gebaut werden können wie in Neubauquartieren, und somit die überlieferte Bausubstanz mit modischer Architektur konfrontiert wird. Im Neubauquartier Grund stehen Bauten von unterschiedlichstem Charakter. Die Bauten konkurrenzieren sich und verhindern so die Dominanz einzelner Gebäude. Zudem stehen sie im Banne der mächtigen Just-Fabrik und des Hotels Walzenhausen. Dieses Baugebiet ist landschaftlich nicht sensibel und das Quartier deshalb akzeptabel. Im Baugebiet Weid besteht ein Baugemisch. Unter anderem stehen dort ultramoderne Gebäude. Die meisten ducken sich in eine Geländefalte, haben eine phantastische Fernsicht und sind doch kaum sichtbar - also wenig problematisch. Im Almendsberg stehen zwei Neubauten ohne Beziehung zur Umgebung. Auf einigen Anhöhen und Kreten stehen dominante neue Häuser.
Reute besteht aus den drei Siedlungen Schachen, Dorf und Mohren. Das kleine Dorf liegt versteckt in einem Tal und hat eine grosse, schöne Kirche. Im Bezirk Schachen hat Reute attraktives Bauland, wo individell gebaut wird wie an vielen Orten üblich. Im Rohnen, das zu Schachen gehört, hat Architekt Werner Bänziger eine Häusergruppe im Appenzellerstil geschaffen. Vom Rheintal aus sieht man die weissen Neubauten von Mohren. In Dorfnähe ist ein Riesenstall geplant.